Rechtsinfo - Medizinrecht



Magenverkleinerungen sollen auch in Deutschland gängige Praxis werden - die Krankenkassen sperren sich noch


von:  Rechtsanwalt Hans-Georg König, Münster
- Fachanwalt für Medizinrecht -


International steigt die Anzahl an Übergewichtigen seit einigen Jahrzehnten an. In Deutschland ist inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig - einige Betroffene leiden sogar unter krankhafter Fettsucht (Adipositas). Für die Einstufung der Gewichtsklassen gilt der Body-Mass-Index (BMI) als bestes indirektes Maß für die Körperfettmasse. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Erwachsene mit einem BMI von über 25 als übergewichtig, mit einem BMI von über 30 als stark übergewichtig ein.

 

Wer unter starkem Übergewicht bzw. krankhafter Fettsucht leidet, hat kaum eine Chance, dauerhaft auf herkömmliche Weise sein Gewicht zu reduzieren. Grund dafür ist, dass es bei einem solch massiven Gewicht den betroffenen Personen meist nicht möglich ist, irgendeine Art von Sport zu treiben und wegen des erheblich größeren Magens im Vergleich zu dem von Normalgewichtigen gelingt eine Reduktion der Kalorienzufuhr nur bedingt.

 

Aufgrund dieser Problematik hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie in Zusammenarbeit mit drei weiteren Fachgesellschaften nun eine sog. S3-Leitlinie zur Chirurgie der Adipositas mit Stand 06/2010, gültig bis 12/2012, entwickelt (siehe AWMF-Leitlinien-Register-Nr. 088/001 unter: www.uni-duesseldorf.de). S3-Leitlinien enthalten Empfehlungen, die auf dem aktuellen wissenschaftlichen Standard basieren und den Ärzten und dem medizinischen Personal eine Orientierung bezüglich der Entscheidungs- und Handlungsoptionen geben, zugleich den Patienten Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen.

 

Diese nun entwickelte S3-Leitlinie empfiehlt eine vollumfängliche Versorgung von Adipositaspatienten, d.h. zusätzlich zur Adipositaschirurgie (Magenverkleinerung) sollen eine Ernährungsberatung sowie internistische und psychologische Betreuung durchgeführt werden. Bestimmte Kriterien sollen außerdem gelockert werden. Dazu gehört insbesondere, dass die bestehenden Altersbeschränkungen für die Adipositaschirurgie aufgehoben werden sollen. Darüber hinaus sollte nach einem radikalen Gewichtsverlust auch die Entfernung des Hautüberschusses Teil des Behandlungskonzepts sein. Die entscheidende Änderung ist schließlich, dass das Versagen der konservativen Therapie nicht mehr länger strikte Voraussetzung für eine Magenverkleinerung ist, sondern Erschöpfung oder Aussichtslosigkeit der Maßnahmen ausreicht. Insbesondere mit dem letztgenannten Punkt wird auf die oben genannte Problematik eingegangen, dass herkömmliche Strategien in der Regel von Anfang an keinen nachhaltigen Erfolg versprechen können.

 

Insgesamt also soll durch die S3-Leitlinie einem größeren Patientenkreis der Weg zur Adipositaschirurgie und somit zu einem leichteren und gesünderen Leben eröffnet werden. Dabei geht es nicht nur darum, das Gewicht der Patienten zugunsten eines verbesserten äußeren Erscheinungsbildes zu reduzieren, vielmehr sollen die mit der Adipositas oft einhergehenden Krankheiten verringert werden. So haben adipöse Personen im Vergleich zu Normalgewichtigen ein 30-fach erhöhtes Risiko, an Diabetes Typ II zu erkranken. Ebenso leiden viele adipöse Personen unter Bluthochdruck. Dieser begünstigt ein erhöhtes Herzinfarktrisiko, das in etwa doppelt so hoch ist wie bei Normalgewichtigen. Weiterhin treten häufiger Abnutzungserscheinungen insbesondere an Knie- und Hüftgelenken sowie an der Wirbelsäule auf. Außerdem sind im Zusammenhang mit Adipositas noch Kurzatmigkeit, Asthma und Fettstoffwechselstörungen zu nennen.

 

Laut Robert-Koch-Institut verursachen Adipositas sowie deren Folgeerkrankungen Behandlungskosten zwischen 7,75 und 13,55 Milliarden Euro. Diese sollen durch die S3-Leitlinie ebenfalls gesenkt werden.

 

Des Weiteren soll mit der S3-Richtlinie an das internationale Niveau angeknüpft werden, denn die Adipositaschirurgie ist in den Vereinigten Staaten und weiten Teilen Europas bereits fester Bestandteil der Behandlung gegen krankhafte Fettsucht.

 

Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland tun sich bislang schwer mit der Kostenübernahme für eine chirurgische Magenverkleinerung (auch Magenbypass-Operation genannt). Sie stellen sich - allerdings auf der Basis einer früheren Leitlinie aus dem Jahre 2006 - auf den Standpunkt, gemäß §§ 27 Abs. 1, 12 SGB V könnten Versicherte Leistungen dann nicht beanspruchen, wenn sie nicht notwendig oder unwirtschaftlich seien. Dies sei bei einer beabsichtigten chirurgischen Magenverkleinerung der Fall, soweit man zuvor konservative Behandlungsmöglichkeiten noch nicht erschöpft habe.

 

Für ihre Auffassung beziehen sich die Krankenkassen u. a. auf die Entscheidungen des LSG Baden-Württemberg  - L 11 KR 1627/04 - vom 07.12.2004, des LSG Rheinland-Pfalz - L 5 KR 53/06 - vom 22.06.2007 und - L 5 KR 101/10 - vom 19.08.2010 sowie des SG Dortmund - S 40 KR 237/06 - vom 24.04.2008.

 

Abzuwarten bleibt, ob sich auf der Grundlage der neuen S3-Leitlinien nunmehr auch Veränderungen bei der Praxis der Kostenübernahme durch die Krankenkassen ergeben. Immerhin kostet eine Magenbypass-Operation mehr als 5.000,00 Euro.

 

Inzwischen liegt eine Entscheidung des Landessozialgerichts Rheinland-Pfalz (LSG Rheinland-Pfalz) - L 5 KR 12/11 - vom 13.10.2011 vor, derzufolge der Klägerin (anders als das SG Koblenz in der Vorinstanz) ein Anspruch auf Erstattung der Behandlungskosten im Zusammenhang mit einer Magenbypass-Operation gem. § 13 Abs. 3 S. 1 Alt. 2 SGB V zuerkannt worden ist. Hierbei hat das Gericht betont, dass bereits starkes Übergewicht (ab einem BMI > 30 )eine Krankheit darstelle. Dies, weil dann ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Begleit- und Folgeerscheinungen (z.B. Diabetis) bestehe.

 

Weiterführende Literatur:

 

Herpertz, Psychotherapie der Adipositas, in: aerzteblatt.de, Ausgabe Juni 2003, Seite 269.

Lenz/Richter/Mühlhauser, Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter, in: Deutsches Ärzteblatt 2009, Seite 641.

SPIEGEL-Artikel: "Dicke Bettler", in: Heft 44/2012, S. 47 f.

 

Eingestellt am: 08.10.2010/ergänzt am 30.10.2012