Rechtsinfo - Medizinrecht



Risikofaktor: Hygienem?ngel in Krankenh?usern


von:  Rechtsanwalt Hans-Georg K?nig, M?nster
- Fachanwalt f?r Medizinrecht -


In Deutschland gibt es kein bundeseinheitliches Krankenhaushygienegesetz.

 

Es gibt zwar Hygiene-Richtlinien, die vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin entwickelt wurden und Krankenhaushygiene-Verordnungen; letztere existieren allerdings bisher in nur fünf von 16 Bundesländern: Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Sachsen. Letztlich obliegt die Thematik der Krankenhaushygiene den Krankenhäusern selbst.

 

Dem Bericht "Krank im Krankenhaus" der Allianz-Versicherung aus dem Jahre 2007 zur Folge wird die Infektionsrate von Krankenhauspatienten in Europa mit etwa 10 % geschätzt. Von rd. 18 Mio. Krankenhauspatienten in Deutschland infizieren sich 3-4 % jährlich (so Imhof, Diagnose: Bedingt lebensfähig, FAZ vom 31.08.2010). Nach anderen Quellen (STERN Nr. 36 vom 02.09.2010, S. 34 ff.) sollen immerhin noch ein halbe Million Patienten in deutschen Krankenhäusern an Infektionen mit Folgen wie Lungenentzündung, Harnwegsinfekten, Wundinfektionen oder Blutvergiftungen erkranken. In einigen Fällen verlaufen diese Infektionen auch tödlich, sodass man eine Sterberate von 10.000 bis 50.000 Patienten pro Jahr vermutet.

 

Veröffentlichte Zahlen variieren stark, eine genaue Angabe ist nicht möglich, vor allem weil es in Deutschland an einer Meldepflicht fehlt.

 

Aber nicht nur Hygienemängel führen zu hohen (und durchaus vermeidbaren) Infektionsraten -  auch der übermäßige Einsatz von Antibiotika trägt einen Teil dazu bei. Antibiotika wurden im Jahr 1928 entdeckt und galten zunächst als Wunderwaffe gegen Bakterien. Allerdings werden mit der Zeit immer mehr Bakterien resistent gegen ein bestimmtes Antibiotikum oder auch gegen sämtliche Antibiotika. Resistenzen entstehen meist durch Mutationen, also Veränderungen im Erbgut der Bakterien; verändert ein Bakterium seine Struktur, so kann das Antibiotikum nicht mehr ins Innere des Bakteriums gelangen und somit nicht mehr wirken.

 

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf diese Weise resistente Bakterien bilden, steigt, wenn Patienten die Antibiotika zu früh absetzen oder über einen längeren Zeitraum zu gering dosiert einnehmen.

 

In der Tat zeigen einige Befragungen, dass Patienten mit der Einnahme von Antibiotika leichtfertig umgehen, indem sie sie unregelmäßig einnehmen oder beispielsweise mit der Einnahme bereits dann aufhören, wenn sie eine Besserung der Symptome bemerken. Zurückzuführen sind diese Einnahmefehler vor allem auf die Unkenntnis der Patienten von der Wirkweise von Antibiotika und der Folgen der Fehleinnahme. Aber auch Ärzte spielen in diesem Zusammenhang eine große Rolle; zum einen klären sie die Patienten oft unzureichend über die vorstehenden Tatsachen auf, zum anderen wird geschätzt, dass ca. 50 Prozent der Antibiotika-Rezepte Fehlverordnungen sind.

 

Welche Auswirkungen Hygienemängel und der übermäßige Einsatz von Antibiotika haben, lässt sich anhand der massiven Verbreitung von MRSA veranschaulichen.

 

MRSA bedeutet Methicillin-resistentes Staphylokokkus aureus. Es handelt sich dabei um ein Bakterium, welches gegen sämtliche Antibiotika resistent ist und daher nur schwer, oft aber auch gar nicht zu behandeln ist.

 

Gerade in den letzten Jahren ist ein massiver Anstieg von MRSA-Infizierten zu verzeichnen. Inzwischen tragen zwischen einem und fünf Prozent der Menschen in Deutschland diesen multiresistenten Erreger in sich, der sich im Nasen-Rachen-Raum oder auf der Haut ansiedelt. Insbesondere in Krankenhäusern hat dieses Bakterium ein leichtes Spiel, denn vor allem Personen mit einem schwachen Immunsystem sind für eine Infektion anfällig. Außerdem überlebt dieses Bakterium selbst monatelang auf glatten Oberflächen wie Plastik, sodass auch sämtliche medizinischen Geräte bakteriell belastet sein können.

 

Um die Verbreitung von MRSA aufzuhalten, müssen die bereits mit dem Keim infizierten Patienten isoliert und die Keime bekämpft werden. Da aber das Klinikpersonal zu vielen Patienten Kontakt hat und mangels intensiver Kontrollen oft nicht bekannt ist, wer die resistenten Keime in sich trägt, wird das Klinikpersonal selbst zum gefährlichen Verbreiter der Krankheit. Die strikte Einhaltung von Hygienevorschriften wie beispielsweise einer häufigen Händedesinfektion erscheint damit unerlässlich.

 

Als Vorreiter im Kampf gegen Hygienemängel im Allgemeinen und gegen MRSA im Besonderen gelten die Niederlande (dazu Schmitt, Im biologischen Blindflug, FAZ vom 26.08.2010). Dort wird jeder Patient bei der Einweisung in ein Krankenhaus auf MRSA untersucht. Fällt der Test positiv aus, so werden die Patienten auf Isolationsstationen behandelt, auf denen das Krankenhauspersonal zum Tragen von Masken, Handschuhen und Haarschutz verpflichtet ist. Außerdem werden in den Niederlanden regelmäßig Kontrollen zur konsequenten Handhygiene durchgeführt. All dies ist aufwändig, doch von großem Erfolg gekrönt; die Rate der Neuansteckungen liegt in den Niederlanden unter 0,1 %.

 

Die in den Niederlanden geltenden Grundsätze wurden in Deutschland beispielsweise im Kreiskrankenhaus Schramberg im Schwarzwald umgesetzt. Auch hier zeigten sich bisher sehr gute Erfolge.

 

Diese Erkenntnisse zeigen die hohe Bedeutung der Durchsetzung von Hygienevorschriften auf. Insbesondere ist danach ein Hygienearzt in jedem Krankenhaus unerlässlich - derzeit verfügen nur fünf Prozent der deutschen Krankenhäuser über einen Hygienearzt - und es müsste schnellstmöglich ein bundeseinheitliches Hygienegesetz geschaffen werden.

 

Spektakuläre Fälle von öffentlich bekannt gewordenen Hygienemängeln mit tödlichem Verlauf für die betroffenen Patienten befeuern immer wieder die gesundheitspolitische Diskussion, jedoch bislang ist der Gesetzgeber untätig geblieben. Erfahrungen mit einem strikten Hygiene-Regime aus dem Ausland sind bekannt, umsetzbare Forderungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (www.dgkh.de) liegen auf dem Tisch. Und auch die Apothekenkammern haben Hygiene-Richtlinien und -empfehlungen herausgegeben. Ansonsten sollten betroffene Patienten auf auffällige Hygiene-mängel in den Kliniken sensibel reagieren und Missstände melden, etwa bei Patientenfürsprechern. Im Kunstfehler-prozess können Hygienemängel zur Beweislastumkehr zugunsten des Patienten führen. Begründet wird dies damit, dass Hygiene grundsätzlich regelbar ist, sowohl durch schriftliche Vorgaben des Krankenhausträgers als auch in der konkreten Umsetzung durch ständige Schulung und Überwachung des Hygieneregimes.

 

Eingestellt am 08.02.2012