Rechtsinfo - Medizinrecht



?rzte widmen ihren Patienten zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit. Darunter leiden beide gleicherma?en.


von:  Rechtsanwalt Hans-Georg K?nig, M?nster
- Fachanwalt f?r Medizinrecht -


Das Gespräch zwischen Arzt und Patient dauert in deutschen Arztpraxen durchschnittlich lediglich 8 Minuten - in Kliniken ist die Minutenanzahl, die der Stationsarzt am Krankenbett verbringt, sogar noch deutlich geringer und liegt bei erschreckenden 4 Minuten.

 

Ein Vergleich mit anderen europäischen Ländern zeigt, dass Deutschland hier deutlich am unteren Rande liegt; in Belgien und der Schweiz dauern die Gespräche etwa doppelt so lange und auch in Großbritannien und den Niederlanden gehen die Dialoge zwischen Arzt und Patient deutlich über durchschnittliche 8 Minuten hinaus.

 

Letztlich ist auf den Arbeitstag gesehen die Dauer, die für den Patientenkontakt vergeht, eklatant geringer als die Zeit, die für Aufgaben am Schreibtisch aufgewendet wird. So muss der Arzt etwa Patientendaten dokumentieren oder Abrechnungsformulare ausfüllen. Diese Entwicklung wird auch von Ärzten kritisiert; sie machen die Bürokratie dafür verantwortlich, dass sie insgesamt nur einen Bruchteil ihrer Arbeitszeit für die Patienten aufbringen können. Sehr auffällig ist dieses Missverhältnis in Krankenhäusern, in denen der Arbeitstag eines Arztes mit etwa 11 Stunden bemessen wird. Von dieser Zeit entfielen lediglich 80 Minuten auf Gespräche mit Patienten und deren Angehörigen und weitere 35 Minuten auf Ruhepausen.

 

Was das Ergebnis der hier zitierten Studie zeigt, spiegelt sich auch in einer Befragung von Patienten wider, der zufolge viele Patienten die Gesprächszeiten mit dem Arzt als zu kurz empfinden. Zwar sei dies in der Regel nur dann der Fall, wenn die Patienten ihre emotionalen Bedürfnisse und Fragen zu wenig berücksichtigt sähen, während diejenigen, welche sich vom Arzt gut verstanden und unterstützt fühlten, die kurze Gesprächsdauer nicht bemängelten; allerdings ist die Anzahl der Patienten, die die Dauer beanstandeten, beträchtlich.

Im Hinblick auf die Diagnosestellung ist allerdings anzumerken, dass lange Patientengespräche nicht zwangsläufig ergiebiger sind als kurze, denn auch in einem kurzen Gespräch kann es dem Arzt möglich sein, alle für ihn relevanten Informationen in Erfahrung zu bringen. Allein der Minutenanzahl des Gesprächs sollte daher ein nicht zu hoher Stellenwert zugesprochen werden; vor allem ist die inhaltliche Qualität des Gesprächs maßgeblich.

 

In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass viele Ärzte die einfachen Grundregeln gelungener Kommunikation missachten und den Patienten häufig schon nach kurzer Rededauer - einer amerikanischen Studie zufolge etwa bereits nach 23 Sekunden - unterbrechen. Idealerweise sollte der Arzt den Patienten indessen zunächst nach seinem Befinden fragen, ihn dann bei seinen Schilderungen ausreden lassen und anschließend bestehende Fragen des Patienten klären. Diese Art der Gesprächsführung wird aber offenbar nur selten vorgefunden.

 

Insbesondere die Kombination von geringer Quantität und Qualität ist als sehr bedauerlich zu bezeichnen. Immerhin wird durch ein angemessenes Gespräch nicht nur die Zufriedenheit der Patienten gesteigert; auch stellte sich heraus, dass sich kommunikative Kompetenzen positiv auf den Therapieverlauf auswirken können. Neben einem gesteigerten Wohlbefinden ist hier insbesondere die durch eine Studie belegte Annahme zu nennen, dass mit einer schlechten kommunikativen Kompetenz des Arztes häufig eine mangelnde Therapietreue der Patienten einhergeht, also die Patienten die Behandlungsanweisungen des Arztes missachten.

 

All diese vorgenannten Fakten sind - zumindest in Fachkreisen - im Wesentlichen ebenso bekannt wie die Tatsache, dass durch ein sorgsam geführtes Patientengespräch meist eine genauere Diagnose und ein deutlicheres Krankenbild erstellt werden, können als dies allein durch die Untersuchung mithilfe von Geräten möglich ist. Dennoch wird die Gerätemedizin zunehmend zur Stellung von Diagnosen herangezogen. Eine nicht zu vernachlässigende (Mit-) Ursache für diese unerfreuliche Entwicklung ist, dass der Arzt für das Patientengespräch nur Minimalbeträge in Rechnung stellen kann, während medizintechnische Leitungen insofern lukrativer sind. Somit ist die Entwicklung nicht verwunderlich - aber dadurch selbstverständlich nicht weniger unbefriedigend.

 

Schließlich wirkt sich eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient aber nicht nur positiv auf die Patienten aus: was bisher weniger bekannt war, ist, dass die Wirkung auf die Ärzte selbst dabei nicht zu vernachlässigen ist. Ärzte mit guten Kommunikationskompetenzen können den beruflichen Stress besser verarbeiten und reagieren darauf gelassener und auch mit den Krankheiten ihrer Patienten können sie emotional besser umgehen. Insgesamt wirken sich diese Eigenschaften positiv auf das Wohlbefinden der Ärzte aus.

 

Im Interesse aller Beteiligten ist daher zu fordern, dass den kommunikativen Kompetenzen des Arztes mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Zum einen müsste schon während des Medizinstudiums ein größeres Augenmerk hierauf gelegt werden, zum anderen sollten diese Kompetenzen vermehrt in Aus- und Weiterbildungen vermittelt und ständig eingeübt werden.

 

Eingestellt am 08.02.2012